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2014 | 7 | 115-136
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Sprechen – Öffentlichkeit – Aufklärung. Zur Sprachkritik im diskursiven Erinnern an die Rote Armee Fraction anhand des Buches „Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF“ von Carolin Emcke

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Talk—Public Life—Clarification. On the Critique of Language in the Discursive Remembrance on the Red Army Faction on the Basis of the Book “Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF”
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In diesem Artikel wird ausgehend von text- und diskurslinguistischen Positionen dargestellt, welche Rolle die Konzepte ‚Sprache‘ und ‚Sprechen‘ vor dem Hintergrund der Öffentlichkeit in dem autobiographischen Buch Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF von Carolin Emcke (2008) spielen. Das Buch leistet dabei einen Beitrag zu gegenwärtigen öffentlichen Erinnerungsdiskursen um die Rote Armee Fraktion (RAF) und zum kollektiven Gedächtnis des RAF-Terrors. Als Angehörige eines Terroropfers verkörpert die Autorin eine bestimmte Diskursposition. Anhand der Analyse des Textes lässt sich eine deutliche Gegenüberstellung von einerseits Schweigen (seitens der Terroristen), Krieg, Kriegsrhetorik und Gewalt und andererseits Sprechen, Dialog, Gespräch, Aufklärung und Öffentlichkeit erkennen. Emckes Sprachkritik schließt sich einer Tradition aufklärerischer Sprachkritik an, wobei das (Miteinander-)Sprechen in Emckes sprachkritischem Konzept bestimmend für das Menschsein überhaupt ist – der Mensch ist ein sprachliches, deswegen soziales Wesen. Ausgehend von diesen Überlegungen formuliert die Autorin den Vorschlag, ein Forum der Aufklärung zu schaffen, in dessen Rahmen Täter und Mitwisser frei über ihre RAF-Vergangenheit sprechen könnten und dafür nicht strafrechtlich angeklagt und bestraft werden sollten. Auch für diesen letztendlich politischen und juristischen Vorschlag sind Sprache und Sprechen entscheidend.
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In this article, the autobiographic text Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF by Carolin Emcke (2008) is examined with a point of departure in text and discourse analysis and with a thematic focus on the concept of language, and talk in the context of public life. The book itself, which can be seen as one contribution to the contemporary public memory discourse on the Rote Armee Fraktion (RAF), deals with the collective memory of historical events connected with that group. As a relative of terror victims, the author thereby takes a certain discursive stance. As can be shown throughout the analysis, Emcke constructs a conceptual scheme: silence (of the terrorists), war, the rhetoric of war and violence on the one hand, and language, speaking, dialogue, public opinion and clarification on the other. Emcke’s linguistic criticism is part of the Enlightenment-type critique of language and she sees talk (conversation) as an essential ingredient of being human in general. Humans use language and, therefore, they are social beings. Based on those considerations, the author proposes a public forum for clarification and reconciliation, where perpetrators and insiders could freely talk of the past of the RAF without fearing that they might be accused or punished. Language and talk play an essential role also in this proposition, which, in itself, invokes political and legal references.
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